Dekolonialisierung

Forschung und Anerkennung; Reparationen und Wiedergutmachung für koloniale Verbrechen und Versklavung; Anwendung dekolonialer Perspektive in allen Bereichen und Strukturen des öffentlichen Lebens und der Gesellschaft; Antikoloniale Handels- Rohstoff- Energie- und Außenpolitik.

Ohne eine der zentralen Erkenntnisse kommen wir global und lokal, politisch, gesellschaftlich nicht weiter: Wir leben im (globalen) rassistischen System weißer Vorherrschaft. Als allererstes bedarf es dieser Benennung und der Positionierung Deutschlands innerhalb dieses rassistischen Systems. Es bedeutet, dass nichts von diesem System – Rassismus - unberührt ist.

Es bedeutet, dass es keine rassismusfreien Räume gibt und dass also jeder Raum Anteil haben muss an der Dekonstruktion des rassistischen Systems. Die Verantwortung für die Dekonstruktion des (globalen) rassistischen Systems muss auch auf EU-Ebene ausgedehnt werden, die EU als politischer Raum und als Wirtschaftsraum ist nicht mehr isolierbar in die Staaten, die kolonisiert und versklavt haben und jene, die „unschuldig“ sind.

Es gibt deutsche, französische, britische, etc. spezifische Verantwortlichkeiten und Pflichten, die direkt zugeordnet werden können. Aber es gibt auch eine kollektive europäische Verantwortung, das kollektive Profitieren zu entschädigen und zu reparieren. Bildungssystem, Forschung und Wissenschaft, Administration, Parlamentarismus, Öffentlicher Raum, Kunst & Kultur, Sport, Gesundheit, Polizei, Justiz, Märkte, Sprache, Denkmuster – überall bedarf es der Forschung zu kolonialer Kontinuität bzw. rassistischer Kontinuität und deren Anerkennung und zu antirassistischer Bewegung und Schwarzen Wissensproduktionen; es bedarf der Dekonstruktion und Neugestaltung aller Bereiche so, dass die rassistische und koloniale Kontinuität sichtbar gemacht wird und ihre Wirksamkeit ausgehebelt wird, bzw. ihr entgegen gewirkt wird.

Weltweit und auch in Deutschland haben parallel zu den Entwicklungen von Versklavung und Kolonialisierung auch schon Widerstandsbewegungen und Forschungen zu weißer Vorherrschaft und zu Reparationen durch die Betroffenen existiert. Und diese sind mittlerweile sehr weit und auch untereinander vernetzt. Es gibt einen exzellenten Bestand an Wissen, Forschung, Literatur, Dokumentation, Analyse und Strategien. Diese Anwendung von Expertisen hat aber noch nicht gebührend den Weg in die politische Umsetzung gefunden, bzw. die Anwendung dieser Expertisen wird aktiv unterbunden, weil sie die bestehenden Systeme angreifen wird. Vor allem in Deutschland werden Schwarze bzw. BIPOC Stimmen in der Forschung unsichtbar gemacht und gedrosselt.

Daher fordern wir die Einrichtung von Black Studies und Decolonial Studies an allen Universitäten in Deutschland mit dem Auftrag, zu forschen, aber auch am jeweiligen Campus die Wissenschaft und den Campus selbst zu dekolonisieren; Zentrales Forschungsziel ist auch die (Weiter-)Entwicklung von Instrumenten, Methoden und Institutionen für die Dekolonialisierung in allen genannten Bereichen von Gesellschaft; Gleichzeitig müssen alle notwendigen Mittel und personellen Ressourcen bereitgestellt werden, die es für eine kontinuierliche, regelmäßige, breite zivilgesellschaftliche Reflektion & Sensibilisierung braucht; Dekoloniale Agenda darf sich nicht auf einen nationalen Kontext beschränken.

Denn gerade die Idee von Nation, Grenzen, Abschottung, Territorium etc. ist zutiefst kolonial. Wir wollen die Einrichtung von transkontinentalen und transkulturellen Institutionen und globaler Vernetzung zur Kommunikation über, Gestaltung von und Durchführung von Reparationen und Entschädigungen für ALLE Schäden, Ressourcen, Raubgüter, Misshandlungen, Menschenrechtsverbrechen und sonstigen Auswirkungen von Unterdrückung;

"Dies ist nicht meine Welt, in der nur die Hautfarbe und Herkunft zählt,
der Wahn von Überfremdung politischen Wert erhält,
mit Ignoranz jeder Hans oder Franz sein Urteil fällt,
Krach macht und bellt, sich selbst für den Fachmann hält."

Advanced Chemistry - “Fremd im eigenen Land” BRD

Die Höhe, Form und Durchführung von Reparationen muss in einem gemeinsamen, bestenfalls für alle Seiten heilsamen Prozess ermittelt und vereinbart werden. Wichtig ist, dass die Kommunikation vor allem zwischen Akteur:innen der Zivilgesellschaften stattfindet, anstelle diplomatischer Verhandlungen zwischen Regierungen.

Die Gewährleistung und Ermöglichung dieser transkulturellen, transkontinentalen und interdisziplinären zivilgesellschaftlichen Vernetzung, Kommunikation und Entwicklung von Strategien und Empfehlungen muss gesetzlich verankert, institutionalisiert und durch unabhängige Träger und die öffentliche Administration regelmäßig und häufig und intensiv umgesetzt werden.

Die ausführlichen Forschungen, Arbeiten, Konzepte, Initiativen, die es dazu bereits seit vielen Jahrzehnten gibt, in USA, UK, Europa und an Stellen in den ehemals kolonisierten Ländern, sind ins Zentrum zu rücken und müssen bei der Entwicklung des Prozesses gestaltend und leitend tätig sein. Da das koloniale System Rassismus und Kapitalismus in sich verknüpft und sie nicht getrennt voneinander denkbar sind, bedeutet die Dekonstruktion des rassistischen Systems ZWINGEND auch die Dekonstruktion des kapitalistischen Systems.

Weiße europäische Mehrheitsgesellschaften sind die Urheber:innen des rassistisch-kolonialen Systems und Deutschland spielt in dieser Entwicklung auch historisch eine ganz zentrale Rolle. Dies ist noch nicht Gegenstand unserer Erinnerungskultur und wird im Bildungssystem unsichtbar gemacht (siehe auch Bildung & Kultur), aber wenn wir das Ausmaß dieses Systems verstehen, verstehen wir auch, warum alle sich davor drücken, Verantwortung zu übernehmen. Weil es eine Aufgabe ist, die keine Generation innerhalb ihrer Lebenszeit abschließen kann.

Weil es eine Aufgabe ist, die die Entlarvung der humanistischen Charade beinhaltet, die Europa seit hunderten von Jahren inszeniert. Aber wir sind besser als diese Charade. Es ist eine Frage des Wollens. Die Generationen vor uns haben sich geweigert oder gescheut, diese Geschichte anzuerkennen und wir betrachten es als die Mission dieser Generation, von der wir ein Teil sind, dieses Unrecht auszugleichen. Von hier ausgehend, aber nicht zu „deutschen“ oder „europäischen“ Bedingungen. Dieser Plan darf nicht wieder hier vor Ort entwickelt werden, wie damals die Kongokonferenz. Sondern der Plan besteht darin, sich hinter die Kämpfe jener zu stellen, sie global mit zu kämpfen, die in dem System global benachteiligt wurden und werden. Die Hip Hop Kultur ist imprägniert mit dieser Geschichte und ihren Folgen.

Egal wo sie ihre Strahlkraft hingetragen hat, schwingt auch diese Geschichte mit. Und sie hat sie mittlerweile überall hingetragen. Und deswegen ist nun auch die Zeit gekommen, diese Geschichte aufzuarbeiten und aus ihr konkrete Politiken abzuleiten. Alle EPA müssen ausgesetzt und neu verhandelt werden. European Partnership Agreements bewirken vor allem eine aggressive Öffnung afrikanischer, pazifischer und karibischer Märkte für europäische Produkte. Meist Überschuss, der dann Märkte überschwemmt und lokale Handelsstrukturen, Produktionen und Gleichgewichte in den Preisniveaus zerstört. Diese Öffnungen wurden häufig erpresst und als Bedingungen für Kredite und sogenannte Entwicklungszusammenarbeits-Leistungen gestellt. Wir fordern die Bindung von EPA an die radikale Neubewertung von Ressourcen und Bodenschätzen und an die globale Neuordnung der Förderung und des Abbaus und der Gewinnung dieser Ressourcen und Bodenschätze.

In einem transkontinentalen Neuordnungsprozess müssen durch Neubewertung von Ressourcen und Bodenschätzen, sowie Arbeitskraft, alle Staaten, die aktuell durch signifikant niedrigere Lebenserwartung, unterdurchschnittlichen Zugang zu Internet und zu allgemeinen Leistungen wie Gesundheit, Bildung, Sicherheit, Grundversorgung (Wasser, Nahrung, Elektrizität) gekennzeichnet sind - das sind alle Staaten Afrikas, viele Staaten in der pazifischen Region und Asiens und einige Staaten Südamerikas und einzelne weitere - in die Lage versetzt werden, innerhalb von 5 Jahren zu den Lebenserwartungen und Zugängen aufzuschließen, die in weißen Mehrheitsgesellschaften üblich sind.

Die Verabschiedung des Lieferkettengesetzes begrüßt Die Urbane. Allerdings ist dieses nur sehr unbefriedigend in seiner Tragweite. Es lässt nach wie vor zu viele Möglichkeiten bestehen, es zu umgehen, bzw Ausbeutung und Kinderarbeit zu verschleiern. Weitere Maßnahmen, um Ungleichheitssysteme sichtbar zu machen und wie sie durch den Konsum in Deutschland gefestigt werden, müssen ergriffen werden. Es wird argumentiert, es schade bspw Textilarbeiter:innen mehr, Primark-Kleidung nicht zu kaufen, weil dann eben weniger produziert wird und Lohnarbeit wegfällt.

Aber diese kapitalistische menschenrechtsverachtende Logik dahinter muss durchbrochen werden. Stattdessen muss Lohn überall ähnliche Niveaus an Lebensqualität, Lebensstandard und an Zugängen ermöglichen. Unternehmen, die auch in Deutschland und Europa operieren, müssen gesetzlich dazu verpflichtet werden, Lohnniveaus deutlich zu erhöhen. Darauf muss Deutschland auch auf europäischer Ebene hinwirken. Die Vereinten Nationen haben in 2015 die SDG verabschiedet, die sogenannten Sustainable Development Goals.

Diese formulieren wichtige Ziele. Aus dekolonialer Perspektive reichen die Forderungen nicht weit genug und sind aus einer weißen bzw neoliberalen Perspektive verfasst. Weder Wachstum wird in Frage gestellt, noch wird die Aufhebung kolonialer und hegemonialer Kontinuitäten gefordert. Die eklatant ungleichen Lebenserwartungen werden nicht angesprochen und Bewegungsfreiheit ist auch nicht erwähnt. Ähnlich wie Lebenserwartung ist auch Zugang zu Internet genau so ungleich verteilt und die Verteilungen überschneiden sich mit denen der Lebenserwartung.

Die Ziele lauten:

  • Ziel 1: Armut beenden
  • Ziel 2 Ernährung sichern
  • Ziel 3: Gesundes Leben für Alle
  • Ziel 4: Bildung für Alle
  • Ziel 5: Gleichstellung der Geschlechter
  • Ziel 6: Wasser und Sanitärversorgung für Alle
  • Ziel 7: Nachhaltige und moderne Energie für Alle
  • Ziel 8: Nachhaltiges Wirtschaftswachstum & menschenwürdige Arbeit für Alle
  • Ziel 9: Widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung
  • Ziel 10: Ungleichheit verringern
  • Ziel 11: Nachhaltige Städte und Siedlungen
  • Ziel 12: Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen
  • Ziel 13: Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen
  • Ziel 14: Ozeane erhalten
  • Ziel 15: Landökosysteme schützen
  • Ziel 16: Friedliche und inklusive Gesellschaften
  • Ziel 17: Umsetzungsmittel und Globale Partnerschaft stärken