Leben mit Kindern und Jugendlichen

Die Vorstellung, dass Erziehung nur in der sogenannten Familie stattfindet, ist aus dekolonialer Perspektive eine sehr eurozentrische Vorstellung. Sie individualisiert auch die Verantwortung für vermeintlich negative Ergebnisse dieser Erziehung. So wie Erziehende dadurch sich selbst mit den vermeintlichen Erfolgen oder Misserfolgen ihrer Kinder über-identifizieren, so entzieht sich die Gesellschaft als Ganzes dadurch der Verantwortung für vermeintliche Misserfolge (Schulabbrecher:innen, Suchtkranke, Obdachlose, Sexarbeiter:innen, Straftäter:innen, Hausbesetzer:innen, etc.), während sie sich vermeintliche Erfolge (vermeintlich im Sinne von Erfolge und Misserfolge im kapitalistischen, patriarchalen, rassistischen System) aneignet und sich damit schmückt.

Schule als mit-erziehende Institution wird nicht als Teil der sogenannten Familie begriffen, Nachbarschaft auch nicht und die Gesellschaft allgemein schon gar nicht. Dabei ist die Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen durch Medien und Werbebotschaften im öffentlichen Raum enorm und sehr präsent.

Durch fahrlässiges Nicht-Eingreifen oder nicht ausreichend-Gestaltung und Regulierung von Inhalten, Präsentation, Repräsentation, etc. wird mindestens gleichermaßen “erzogen”, ohne dass die sogenannte Familie darauf direkt Einfluß nehmen kann. Wenn Kinder und Jugendliche sich dem herrschenden rassistischen, antisemitischen, antiziganistischen, patriarchalen, kapitalistischen, ableistischen und/oder cis-heteronormativen System verweigern und darin nicht funktionieren, daran verzweifeln oder darin rebellieren, wird dies pathologisiert.

Die Verantwortung dafür wird auch wieder den Erziehenden übergeholfen, dabei sind es die Systeme, die daran großen Anteil haben. Insbesondere in der Tatsache, dass es Jugendstrafrecht gibt oder in Begriffen wie “Jugendkriminalität” findet sich dieses gesellschaftliche Versagen, für das die Verantwortung nicht ansatzweise ausreichend übernommen und getragen wird. Stattdessen trifft die Erziehenden erst Scham und dann Entzug des Rechts, Erziehende zu sein.

Dies gilt unverhältnismäßig häufiger für BIPOC-Erziehende, FLINTA und/oder LGBTQIA+Erziehende, für ALG2-empfangende Erziehende, Geflüchtete Erziehende, Sinti:zze und Rom:nja, undokumentierte Erziehende etc.

Wir fordern, Erziehende wesentlich besser zu unterstützen, wesentlich mehr, dichtere und nachhaltigere nachbarschaftlich-gemeinschaftliche und wissensvermittelnde sowie Kreativität-fördernde (schulische) Unterstützungssysteme und Institutionen zu schaffen, die solidarisch, intersektional machtkritisch, rassismuskritisch, vorurteilsbewusst und diskriminierungssensibel arbeiten. Sie sollten bedarfsorientiert sein und bedürfnisorientiert.

Das Funktionieren in den bestehenden Systemen darf nicht im Vordergrund stehen und nicht die Motivation sein. Initiativ-Kindergärten und ähnliche Einrichtungen sollen finanziell unterstützt werden. Jene bürokratischen Hürden sollen reduziert werden, welche die derzeit die Gründung solcher bedarfs- und bedürfnisorienterter Räume verhindern oder verzögern.

Der Spruch der nigerianischen Igbo 'Oran a azu nwa', bedeutet “es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen”. Eine Igbo Bezeichnung für Kinder ist 'Nwa ora', was “Kind der Gemeinschaft” bedeutet. Kinder und Jugendliche verdienen sehr viel größeren Respekt und mehr Wertschätzung. Für ihr Wohlbefinden, ihre Sicherheit, ihren Schutz muss die Gemeinschaft aka die Gesellschaft deutlich größere Verantwortung übernehmen.

Die herkömmliche Bezeichnung von Gemeinschaften von Erziehungsberechtigten und Kindern und Jugendlichen als Familie ist immer noch in Verbindung gebracht mit einer cis-heteronormativen Vorstellung.

Aber wir fordern, dass alle möglichen Konstellationen, in denen Menschen mit Kindern und Jugendlichen in einer Sorge- und Verantwortungsbeziehung stehen, gleichgestellt werden, unabhängig davon, ob sie in dieses herkömmliche Bild passen oder nicht. Eine große Benachteiligung erfahren Erziehende mit Kindern und Jugendlichen im System wie es aktuell besteht, durch die Abgabenlast in den Sozialversicherungssystemen Krankenkassen, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Pflegeversicherung.

Wir fordern, dass die Abgabelast zugunsten von Gemeinschaften verändert wird, die Kinder und Jugendliche erziehen, betreuen, begleiten, ob als biologische Eltern, als alleinerziehende Elternteile, ob als Adoptiveltern, ob als anderweitig Sorgeberechtigte oder als queere Eltern oder auch als sogenannte Patchworkkombinationen daraus.

Die Abgabenlast sollte mindestens im Verhältnis 2:1 stehen. Aktuell ist sie nur sehr geringfügig niedriger als die von Kinderlosen Gemeinschaften und damit finanzieren die Gemeinschaften mit Kindern und Jugendlichen zu fast 50% selber alle Leistungen, die sie erhalten über Steuern und Abgaben, die sie wiederum leisten. Dies ist unverhältnismäßig angesichts der Tatsache, dass die Gemeinschaften mit Kindern und Jugendlichen die Erziehungs- Pflege und Care-Arbeit komplett unentgeltlich tun.

Wie diese Leistungen verteilt sein sollten oder ob sie überhaupt noch nötig wären oder weiter bestünden nach Einführung eines BGE, muss Gegenstand von Forschung werden, die mögliche Modelle berücksichtigt. Ehegattensplitting muss abgeschafft werden. Die Familienzuschläge nur für Beamt:innen sind unzeitgemäß. Familienzuschläge sollten - wenn sie denn gezahlt werden - Erziehendenzuschläge heißen und sollten allen arbeitenden Erziehenden gleichermaßen zustehen.

Es ist untragbar, wie im Zusammenhang mit Einwanderung im aktuellen Asyl-System mit Menschen umgegangen wird. Kinder und Erziehende, Partner:innen ob mit oder ohne Heiratsurkunde, Geschwister und Eltern sollten das Recht haben, zusammen zu sein. Gerade, wenn die Trennungen nicht selbstgewählt ist, bzw viele Partner:innen, Kinder, Eltern nur zurückgelassen werden, um sie nicht den Gefahren einer Flucht auszusetzen, um sie aber sehr wohl alsbald zu holen, wenn dies auf sicheren Wegen über Visa etc gestattet wird, muss der Nachzug proaktiv befördert werden durch staatliche Institutionen.

Langfristig sollte menschenrechtlich verbriefte Bewegungsfreiheit dazu führen, dass diese entwürdigenden Verfahren der Prüfung von Partner:innenschaft, Elternschaft, Verwandtschaft, etc. abgeschafft werden. Zu vielfältigen Konstellationen von Erziehenden gibt es eine Reihe von Forderungen, die wir unterstützen:

  1. Wunschkind- nicht Stiefkind! Für die Abschaffung des diskriminierenden Stiefkind-Adoptionsprozesses für Regenbogenfamilien!
  2. Vereinfachte Elternschaftsanerkennung für alle Regenbogenfamilien!
  3. Für Kinder aus lesbischen Ehen soll gelten: Automatische Elternschaft mit der Geburt
  4. Ein Kind, dass in eine lesbische Partnerschaft hineingeboren wird, hat automatisch zwei rechtliche Mütter und muss nicht erst adoptiert werden
  5. Familien mit mehr als zwei Eltern haben die Möglichkeit ihr Familienmodell rechtlich abzubilden
  6. Reproduktionsmedizin wird auch bei queeren Personen finanziell vom Land unterstützt
  7. Personen werden mit ihrem tatsächlichen Geschlecht in die Geburtsurkunde ihrer Kinder eingetragen, und nicht, wie im Moment bei trans* Eltern der Fall, mit dem alten Namen und dem alten Geschlechtseintrag
  8. Eltern mit dem Geschlechtseintrag „divers“ können mit einer geschlechtsneutralen Bezeichnung in die Geburtsurkunde ihrer Kinder eingetragen werden.
  9. Formulare wie Anträge für Kinder- und Elterngeld, Kinderpass etc. werden sprachlich an Vielfalt von Familien angepasst
  10. Familienbezogene Einrichtungen werden dazu verpflichtet, Familienvielfalt in ihre pädagogische Praxis zu integrieren
  11. Geburtsurkunden, Anträge, Formulare etc. verwenden nur noch den Begriff „Elternteil 1“, „Elternteil 2“ um allen Familienformen gerecht zu werden