Systeme überwinden

(Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus) durch Intersektionalität (im Kontext politischer Gestaltung) - Selbstbestimmung – Persönlichkeitsentfaltung – Identitäten

Eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe und eine politische Mission ist es, sichtbar zu machen, wie die Ungleichheitssysteme Rassismus, Kapitalismus und Patriarchat intersektional miteinander verwoben sind und Hand in Hand aneinander gewachsen und erwachsen sind – und genauso die daraus abgeleiteten Systeme Kolonialismus, Antisemitismus, Antiziganismus, cis-Heteronormativität, Ableismus, Ageismus, etc.

Diese Systeme können nur durch eine entschlossene Dekonstruktion aufgehoben werden. Diese Arbeit darf nicht dem Zufall überlassen werden, noch der Willkür der Gruppen, die in diesen Systemen dominieren und profitieren.

Sie darf nicht von der politischen Willensbildung abhängen, da diese in den bestehenden Systemen nicht frei und unabhängig ist. Wenn wir der Idee folgen, dass das Individuum eine unveräußerliche Würde besitzt und dass diese unantastbar sei, dann untergraben Ungleichheitssysteme diese Idee strukturell und ihre Überwindung muss Teil der grundgesetzlichen Forderungen werden.

Die verschiedenen gleichzeitig wirkenden Systeme haben unser aller Identitäten (überall) innerhalb dieser Machtmatrix intersektional konstruiert und manifestiert, wir können dies nicht zurückdrehen und so tun, als gäbe es diese Konstruktionen nicht und vor allem als gäbe es die Machtungleichheit und Machtungleichgewichte bzw. die Herrschaft und Unterdrückung nicht – die eben an bestimmten Markern und Merkmalen von Identität ansetzen und diese durch die Tatsache der Dominanz und der Unterdrückung essentialisieren.

Sei es „Rasse“, Geschlecht, Klasse oder Sexualität, körperliche Fähigkeiten, Glaube oder Alter…. Identität verstehen wir dabei aber nicht als statischen Zustand, als NUR Essenz oder als NUR Position, sondern als Kombination aus beidem und als etwas, was sich sowohl auf der kollektiven Ebene als auch auf der individuellen Ebene verändert und entwickelt. Dabei spielen historische Faktoren eine zentrale Rolle. Wir benennen die Aspekte von Identität, die innerhalb dieser Konstruktionen strukturell benachteiligt sind, statt so zu tun, als gäbe es sie nicht (Stichwort Selbstbezeichnungen/ Farbenblindheit/alle sind gleich/ etc. pp).

Die Hip Hop Kultur bedeutet in diesem Kontext eine Form von Agency, die einerseits Identität sichtbar macht und gleichzeitig Identität bildet, nicht nur individuell, sondern kollektiv – und in diesem Sinne erschafft die Hip Hop Kultur kollektiv eine Plattform, ein Angebot für Identifikation einerseits und für die Entfaltung von Persönlichkeit andererseits.

"I never got a chance, never let me spit on the mic
Only cuz I come from a land where people ain't white day and night
I keep flowing, completing all my demo tracks inspite being denied the right
by anti-democrats unleash my rage through music intense
the cultural shock that got my whole community tensed"

Brodha V - “Aathma Raama” India

Aus der Entfaltung der Persönlichkeit kann Selbstbestimmung werden – nicht nur im biographischen Sinne, sondern eben auch im Sinne von Identität. Das Recht auf diese Entfaltung der Persönlichkeit ist ein universelles Menschenrecht.

Die systemische Diskriminierung, die strukturell und institutionell passiert, sorgt dafür, dass insbesondere in weißen Mehrheitsgesellschaften ganze Generationen von Kindern mit intersektionalen Identitäten aufwachsen, die ständig damit beschäftigt sind, Narrative, die auf sie als Repräsentant:innen verschiedenster bzw. gleich mehrerer Gruppen gleichzeitig projiziert werden, abzuwehren und sich unter dem Eindruck und dem Gewicht der Projektionen und der Objektifzierung auch noch selbst zu suchen und zu erkennen.

Eine gängige Strategie des Umgangs damit, ist, die Abwehr einzustellen und die Projektion als dominierenden Teil der eigenen Persönlichkeit zu internalisieren, statt weiterhin dagegen anzukämpfen. Wer es unter diesen Umständen dennoch schafft, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und selbstbestimmt die eigene Identität zu erkennen und zu gestalten, ist sehr resilient oder hat Glück.

Aber es darf nicht Bedingung für Selbstbestimmung sein, resilient zu sein oder Glück zu haben. Es ist die Aufgabe von Community und politische Gestaltungsaufgabe, die Umgebung dafür herzustellen und die besten Voraussetzungen für Selbstbestimmung zu schaffen. Die unreflektierte Praxis der Projektion und Objektifizierung ist normalisiert, was sich im „Integrations“-Narrativ und -Anspruch der Dominanzgesellschaft niederschlägt: „Du musst doppelt so hart arbeiten, Du musst doppelt so gut sein, um es zu schaffen“. Umgekehrt wachsen Generationen von weiß positionierten und auch über Weißsein hinaus privilegierten Kindern auf, die, statt kontinuierliche Objektifizierung und Projektion zu erfahren, im Gegenteil ausschließlich als einzigartige Individuen mit unantastbarem Subjektstatus behandelt werden und jede ihrer Verhaltensweisen wird ihnen als Ausdruck ihrer individuellen Persönlichkeit gespiegelt, völlig losgelöst von den sie und uns alle umgebenden Systemen und ihren Machtungleichheiten.

Eine Persönlichkeit, die sich in dieser Grenzenlosigkeit ausbreiten kann, nimmt den Raum ein, der ihr in dieser Machtmatrix zur Verfügung steht und diese Grenzenlosigkeit und Ausbreitung ist normalisiert und unmarkiert. Machtungleichgewicht zugunsten weißer Kinder wird zum unhinterfragten Machtanspruch weißer Erwachsener. Um uns von einer Gesellschaft mit destruktiven Machtungleichheiten hin zu einer – ultimativ globalen - Community zu entwickeln, müssen diese normalisierten Begrenzungen und Entgrenzungen ausgeglichen werden.

Da Menschen bereits von Geburt an diese Systeme erlernen, ist Bildung der Bereich, der im Kern der Politik von Die Urbane. Eine HipHop Partei steht.